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Geschichten, die das Leben schreibt: «Wie gesund macht der Glaube?»

Überlegungen aus theologischer und humanwissenschaftlicher Sicht

von Prof. Dr. Holger Eschmann

Einführung

Schon immer waren Menschen davon überzeugt, dass es Zusammenhänge zwischen Religion und Gesundheit gibt. Seit dem Zeitalter der Aufklärung und der rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der Medizin gab es eine längere Periode des Auseinanderdriftens von Religion und Fragen der Gesundheit. In der Spätmoderne interessiert sich auch die evidenzbasierte (Schul-)Medizin wieder stärker für den Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheit

Zu den Begriffen Spiritualität und Gesundheit

Spiritualität und Religiosität

Spiritualität, die aus dem Begriff → spiritus / spiritualis entstanden ist, bedeutet ursprünglich «Ein Leben, das sich an der Bibel und ihren Geboten orientiert». Heute ist Spiritualität ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Phänomene geworden und scheint eine Art Schlüsselkategorie für die Suche nach Sinn in der Spätmoderne geworden zu sein. Was mit Spiritualität gemeint ist, auf welche Theorie und Praxis mit dieser Bezeichnung gezielt wird, steht heute nicht fest. Spiritualität ist das, was der Patient dafür hält.

Der Begriff Religiosität signalisiert eine stärkere Bindung an konkrete Religion(en), deren Glaubensinhalte und Glaubenspraktiken. Der Begriff Spiritualität wirkt offener, anschlussfähiger, individueller und selbstbestimmter als Religiosität. Jede Spiritualität braucht eine inhaltliche, kognitive Komponente und jede Religiosität braucht ein inneres Bewegtsein.

Gesundheit

Die WHO-Definition aus dem Jahre 1946 besagt: «Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» Es ist

– eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen

– hat einen Positiver Einfluss auf die Hospiz- und Palliativbewegung

– gibt einen Blick auf Sozialpolitik, Bildungswesen, Arbeitsbedingungen

Doch ist ein vollständiges Wohlergehen in all diesen Bereichen utopisch und kann nur eine Richtungsangabe sein.

Die WHO-Definition von 2002: Palliative Care ist «… ein Ansatz, der die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien verbessert, die sich mit Problemen konfrontiert sehen, die mit lebensbedrohlichen Erkrankungen verbunden sind. Dies geschieht durch die Verhütung und Linderung von Leidenszuständen, indem Schmerzen und andere Probleme (seien sie körperlicher, psychosozialer oder spiritueller Art) frühzeitig entdeckt sowie korrekt untersucht und behandelt werden.»

Gesundheit und Heilung

«Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können», wie Sigmund Freud einst sagte.

oder

«Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Störungen, Gesundheit ist die Kraft, mit ihnen zu leben (Dietrich Rössler).

Untersuchungen zum Verhältnis von Spiritualität und Gesundheit

Empirische Untersuchungen

«Das Vertrauen der Menschen in die Schulmedizin sinkt. Immer mehr Menschen glauben, dass die spirituelle Dimension in einer Krankheit wichtig ist.»

Medizin und (Religions-)Psychologie messen mit Hilfe von standardisierten Methoden die Zusammenhänge von Spiritualität und Gesundheit und entdecken (meist) positive Korrelationen zwischen beiden Grössen.

Die positiven Korrelationen zwischen Spiritualität und Gesundheit gelten nicht nur für die christliche Religion.

«Religiosität kann auch krank machen, und zwar dann, wenn sie kontraproduktiv auf das Selbstwertgefühl und Selbstkonzept von Menschen einwirkt und sich vor allem am Geschäft mit der Angst beteiligt.» (G. Lämmermann)

Psychische Gesundheit und Krankheit hängen stark mit dem in der Kindheit vermittelten Gottesbild zusammen. Enge Frömmigkeit führt zu mehr Vorurteilen und zu feindseligem, ausgrenzendem Verhalten den Mitmenschen gegenüber.

Religiosität/Spiritualität heilt in der Regel keine schweren körperlichen Krankheiten. Sie kann aber zur Bewältigung kritischer Lebensereignisse und Dauerbelastungen gegen Stress abpuffern und manchen Erkrankungen vorbeugen. Sie kann auch zur günstigen Krankheitsverarbeitung beitragen und damit Heilungsprozesse unterstützen und leichtere Beschwerden beheben. Damit ist sie eine wichtige soziale und persönliche Ressource – ein Bewältigungs- und Schutzfaktor.

«Religiosität kann man nicht verordnen wie ein Medikament oder eine Rehamassnahme; sie eignet sich dazu ebenso wenig wie die Empfehlung, in einer festen Partnerschaft zu leben, die sich statistisch ebenfalls als gesundheitsfördernd erweist. Beides muss aus innerer Überzeugung erwachsen. Doch wenn sich Kranke auf diese besinnen, sollte man sie ermutigen.» (B. Grom)

Intrinsische Religiosität:

Religiosität um ihrer selbst willen, von innen heraus, überzeugt, gewiss.

Extrinsische Religiosität:

von äusseren Beweggründen motivierte Religiosität, aus Vorteil, aufgrund von Belohnung und Strafe.

«The extrinsically motivated person uses his religion, whereas the intrinsically motivated lives his religion» (Gordon W. Allport)

Wenn Spiritualität in den Dienst von Gesundheit und Wohlbefinden gestellt wird, besteht die Gefahr ihrer Funktionalisierung und Trivialisierung. Gott kann zum Mittel der menschlichen Wunscherfüllung degradiert werden. Der Umkehrschluss auf mangelnden Glauben bei Krankheit ist nicht erlaubt. Viele Menschen geraten durch ihre Religion in Lebensgefahr. Trotz dieser Differenzierung: Religion ist ein wichtiger Bewältigungs- und Schutzfaktor, zu dem man Patienten (und sich selbst) ermutigen sollte!

Humanwissenschaftliche und praktisch-theologische Deutungen der Befunde

Durch den Glauben weiss sich der Mensch im Kosmos verortet und in die gute Geschichte Gottes mit seiner Welt mit hineingenommen. Durch Leid, Schuld und Tod wird der Mensch zutiefst infrage gestellt. Der Glaube gewährt in Krisenzeiten ein Angebot zur Lebensdeutung und Krisenbewältigung.

Die ethische Orientierung, alternative Werte und hygienische Gebote der Religion führen zu einer verantwortungsvolleren (und damit gesünderen) Lebensführung. Religionsgemeinschaften bieten Formen sozialer Unterstützung. Das Eingebunden- sein in eine Gemeinschaft stabilisiert das Selbst und hilft zum besseren Verarbeiten von Notlagen.

Zusammenfassung und kritische Würdigung

Es ist zu begrüssen, dass sowohl die Medizin/ Psychologie als auch die Kirchen/Theologie den Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheit (neu) in den Blick bekommen. Dabei müssen aber auch die Risiken und Nebenwirkungen bedacht werden. In unserem gesellschaftlichen Umfeld gelten Krankheit und Behinderung weithin als Störung, als Unterbrechung der Karriere, als Krise des Selbstwertgefühls. Demgegenüber ist Gesundheit häufig zum höchsten Gut geworden.

Gott ist nach christlichem Verständnis kein Garant für Gesundheit, sondern Quelle des Lebens und der Liebe. Gesundheit gibt es nur fragmentarisch und Heilsein kann auch ein kranker und sterbender Mensch erfahren. Die Heilungen im Neuen Testament sind Zeichen des anbrechenden Gottesreiches (schon jetzt und noch nicht). Auch im Glauben kommt es zu Erfahrungen von Leid und Schmerz. Aber sie müssen nicht als von Gott trennend erfahren werden.

Die Sehnsucht nach Ganzheit, nach Gesundheit und Unversehrtheit und nach einer heilsamen Spiritualität ist heute stark. Hier kann die Kirche mit Angeboten heilsamer Spiritualität anknüpfen.

«Die neue Religion entwickelte sich als eine Art Gegengift zu den Leiden, die durch das römische Imperium verursacht wurden … Christliche Exorzismen, Heilungen und sorgende Bemühungen um arme und kranke Menschen fanden sich damals in einem breiten Marktangebot religiöser und medizinischer Dienstleistungen wieder … Und die Christen schlugen sich gut in dieser Arena. Während Heilungsriten an den Tempeln von Asklepius, Isis und anderen hellenistischen Gottheiten einem einige Unannehmlichkeiten und viele Kosten verursachen konnten, mussten die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu nur zu ihm beten und seinen Namen anrufen.» (A. Porterfield)

Aber Gott kann nicht wie eine Wunderdroge genutzt und eingesetzt werden. «Echte Religion lässt sich nicht funktionalisieren oder instrumentalisieren. Dem religiösen Menschen geht es primär nicht um Gesundheit und Erfolg, sondern um eine lebendige Beziehung zu Gott.» (M. Utsch)

Durch Spiritualität lässt sich nichts erzwingen, da sie ein Geschenk Gottes ist.

Spirituelles Handeln «wirkt gerade dadurch, dass es nicht wirken soll, vergleichbar der Liebe, die nur dann Berge versetzt, wenn sie nicht intentional eingesetzt wird. Wenn ich aber sage: Ich will dich lieben, weil Du das brauchst und innerlich daran wächst usw., dann habe ich die Liebe zerstört. Und wenn ich sage: Ich will dir vom Glauben erzählen, weil dich das beruhigt und eine heilende Wirkung ausübt, dann wird der Glaube zur Täuschung». (M. Meyer-Blanck)

Wer durch diese theologische (Selbst-)Kritik hindurchgegangen ist, der darf und kann getrost und guten Gewissens spirituelle Impulse setzen – im eigenen Leben und im heilenden Handeln in Seelsorge, Psychotherapie und Pflege. Nicht nur der christliche Glaube, sondern auch heutige wissenschaftliche Erkenntnisse ermutigen dazu.

Ausgewählte Literatur zum Thema

  • A. Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997.
  • C. Dahlgrün: Christliche Spiritualität. Formen und Traditionen der Suche nach Gott, Berlin 2009.
  • E. Frick/T. Roser (Hg.): Spiritualität und Medizin – Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen, Stuttgart 2011.
  • J. L. Griffith: Religion hilft, Religion schadet. Wie der Glaube unsere Gesundheit beeinflusst, Darmstadt 2013.
  • B. Grom: Wie gesund macht der Glaube? Stimmen der Zeit 2/2011, 101-112.
  • A. von Heyl/K. Kemnitzer/K. Raschzok (Hg.): Salutogenese im Raum der Kirche. Ein

Handbuch, Leipzig 2015.

  • R. Kunz/C. Kohli Reichenbacher (Hg.): Spiritualität im Diskurs. Spiritualitätsforschung in theologischer Perspektive, Zürich 2012.
  • A. Porterfield: Healing in the History of Christianity, New York 2005.
  • T. Roser: Spiritual Care. Der Beitrag von Seelsorge zum Gesundheitswesen, 22017.
  • M. Utsch: Religiöse Fragen in der Psychotherapie. Psychologische Zugänge zu Religiosität und Spiritualität, Stuttgart 2005.
  • C. Zwingmann/C. Klein/F. Jeserich (Hg.): Religiosität: Die dunkle Seite. Beiträge zur empirischen Religionsforschung, Münster 2017.

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