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Geschichten, die das Leben schreibt: «Wie gesund macht der Glaube?»

Überlegungen aus theologischer und humanwissenschaftlicher Sicht

von Prof. Dr. Holger Eschmann

Einführung

Schon immer waren Menschen davon überzeugt, dass es Zusammenhänge zwischen Religion und Gesundheit gibt. Seit dem Zeitalter der Aufklärung und der rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der Medizin gab es eine längere Periode des Auseinanderdriftens von Religion und Fragen der Gesundheit. In der Spätmoderne interessiert sich auch die evidenzbasierte (Schul-)Medizin wieder stärker für den Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheit

Zu den Begriffen Spiritualität und Gesundheit

Spiritualität und Religiosität

Spiritualität, die aus dem Begriff → spiritus / spiritualis entstanden ist, bedeutet ursprünglich «Ein Leben, das sich an der Bibel und ihren Geboten orientiert». Heute ist Spiritualität ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Phänomene geworden und scheint eine Art Schlüsselkategorie für die Suche nach Sinn in der Spätmoderne geworden zu sein. Was mit Spiritualität gemeint ist, auf welche Theorie und Praxis mit dieser Bezeichnung gezielt wird, steht heute nicht fest. Spiritualität ist das, was der Patient dafür hält.

Der Begriff Religiosität signalisiert eine stärkere Bindung an konkrete Religion(en), deren Glaubensinhalte und Glaubenspraktiken. Der Begriff Spiritualität wirkt offener, anschlussfähiger, individueller und selbstbestimmter als Religiosität. Jede Spiritualität braucht eine inhaltliche, kognitive Komponente und jede Religiosität braucht ein inneres Bewegtsein.

Gesundheit

Die WHO-Definition aus dem Jahre 1946 besagt: «Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» Es ist

– eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen

– hat einen Positiver Einfluss auf die Hospiz- und Palliativbewegung

– gibt einen Blick auf Sozialpolitik, Bildungswesen, Arbeitsbedingungen

Doch ist ein vollständiges Wohlergehen in all diesen Bereichen utopisch und kann nur eine Richtungsangabe sein.

Die WHO-Definition von 2002: Palliative Care ist «… ein Ansatz, der die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien verbessert, die sich mit Problemen konfrontiert sehen, die mit lebensbedrohlichen Erkrankungen verbunden sind. Dies geschieht durch die Verhütung und Linderung von Leidenszuständen, indem Schmerzen und andere Probleme (seien sie körperlicher, psychosozialer oder spiritueller Art) frühzeitig entdeckt sowie korrekt untersucht und behandelt werden.»

Gesundheit und Heilung

«Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können», wie Sigmund Freud einst sagte.

oder

«Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Störungen, Gesundheit ist die Kraft, mit ihnen zu leben (Dietrich Rössler).

Untersuchungen zum Verhältnis von Spiritualität und Gesundheit

Empirische Untersuchungen

«Das Vertrauen der Menschen in die Schulmedizin sinkt. Immer mehr Menschen glauben, dass die spirituelle Dimension in einer Krankheit wichtig ist.»

Medizin und (Religions-)Psychologie messen mit Hilfe von standardisierten Methoden die Zusammenhänge von Spiritualität und Gesundheit und entdecken (meist) positive Korrelationen zwischen beiden Grössen.

Die positiven Korrelationen zwischen Spiritualität und Gesundheit gelten nicht nur für die christliche Religion.

«Religiosität kann auch krank machen, und zwar dann, wenn sie kontraproduktiv auf das Selbstwertgefühl und Selbstkonzept von Menschen einwirkt und sich vor allem am Geschäft mit der Angst beteiligt.» (G. Lämmermann)

Psychische Gesundheit und Krankheit hängen stark mit dem in der Kindheit vermittelten Gottesbild zusammen. Enge Frömmigkeit führt zu mehr Vorurteilen und zu feindseligem, ausgrenzendem Verhalten den Mitmenschen gegenüber.

Religiosität/Spiritualität heilt in der Regel keine schweren körperlichen Krankheiten. Sie kann aber zur Bewältigung kritischer Lebensereignisse und Dauerbelastungen gegen Stress abpuffern und manchen Erkrankungen vorbeugen. Sie kann auch zur günstigen Krankheitsverarbeitung beitragen und damit Heilungsprozesse unterstützen und leichtere Beschwerden beheben. Damit ist sie eine wichtige soziale und persönliche Ressource – ein Bewältigungs- und Schutzfaktor.

«Religiosität kann man nicht verordnen wie ein Medikament oder eine Rehamassnahme; sie eignet sich dazu ebenso wenig wie die Empfehlung, in einer festen Partnerschaft zu leben, die sich statistisch ebenfalls als gesundheitsfördernd erweist. Beides muss aus innerer Überzeugung erwachsen. Doch wenn sich Kranke auf diese besinnen, sollte man sie ermutigen.» (B. Grom)

Intrinsische Religiosität:

Religiosität um ihrer selbst willen, von innen heraus, überzeugt, gewiss.

Extrinsische Religiosität:

von äusseren Beweggründen motivierte Religiosität, aus Vorteil, aufgrund von Belohnung und Strafe.

«The extrinsically motivated person uses his religion, whereas the intrinsically motivated lives his religion» (Gordon W. Allport)

Wenn Spiritualität in den Dienst von Gesundheit und Wohlbefinden gestellt wird, besteht die Gefahr ihrer Funktionalisierung und Trivialisierung. Gott kann zum Mittel der menschlichen Wunscherfüllung degradiert werden. Der Umkehrschluss auf mangelnden Glauben bei Krankheit ist nicht erlaubt. Viele Menschen geraten durch ihre Religion in Lebensgefahr. Trotz dieser Differenzierung: Religion ist ein wichtiger Bewältigungs- und Schutzfaktor, zu dem man Patienten (und sich selbst) ermutigen sollte!

Humanwissenschaftliche und praktisch-theologische Deutungen der Befunde

Durch den Glauben weiss sich der Mensch im Kosmos verortet und in die gute Geschichte Gottes mit seiner Welt mit hineingenommen. Durch Leid, Schuld und Tod wird der Mensch zutiefst infrage gestellt. Der Glaube gewährt in Krisenzeiten ein Angebot zur Lebensdeutung und Krisenbewältigung.

Die ethische Orientierung, alternative Werte und hygienische Gebote der Religion führen zu einer verantwortungsvolleren (und damit gesünderen) Lebensführung. Religionsgemeinschaften bieten Formen sozialer Unterstützung. Das Eingebunden- sein in eine Gemeinschaft stabilisiert das Selbst und hilft zum besseren Verarbeiten von Notlagen.

Zusammenfassung und kritische Würdigung

Es ist zu begrüssen, dass sowohl die Medizin/ Psychologie als auch die Kirchen/Theologie den Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheit (neu) in den Blick bekommen. Dabei müssen aber auch die Risiken und Nebenwirkungen bedacht werden. In unserem gesellschaftlichen Umfeld gelten Krankheit und Behinderung weithin als Störung, als Unterbrechung der Karriere, als Krise des Selbstwertgefühls. Demgegenüber ist Gesundheit häufig zum höchsten Gut geworden.

Gott ist nach christlichem Verständnis kein Garant für Gesundheit, sondern Quelle des Lebens und der Liebe. Gesundheit gibt es nur fragmentarisch und Heilsein kann auch ein kranker und sterbender Mensch erfahren. Die Heilungen im Neuen Testament sind Zeichen des anbrechenden Gottesreiches (schon jetzt und noch nicht). Auch im Glauben kommt es zu Erfahrungen von Leid und Schmerz. Aber sie müssen nicht als von Gott trennend erfahren werden.

Die Sehnsucht nach Ganzheit, nach Gesundheit und Unversehrtheit und nach einer heilsamen Spiritualität ist heute stark. Hier kann die Kirche mit Angeboten heilsamer Spiritualität anknüpfen.

«Die neue Religion entwickelte sich als eine Art Gegengift zu den Leiden, die durch das römische Imperium verursacht wurden … Christliche Exorzismen, Heilungen und sorgende Bemühungen um arme und kranke Menschen fanden sich damals in einem breiten Marktangebot religiöser und medizinischer Dienstleistungen wieder … Und die Christen schlugen sich gut in dieser Arena. Während Heilungsriten an den Tempeln von Asklepius, Isis und anderen hellenistischen Gottheiten einem einige Unannehmlichkeiten und viele Kosten verursachen konnten, mussten die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu nur zu ihm beten und seinen Namen anrufen.» (A. Porterfield)

Aber Gott kann nicht wie eine Wunderdroge genutzt und eingesetzt werden. «Echte Religion lässt sich nicht funktionalisieren oder instrumentalisieren. Dem religiösen Menschen geht es primär nicht um Gesundheit und Erfolg, sondern um eine lebendige Beziehung zu Gott.» (M. Utsch)

Durch Spiritualität lässt sich nichts erzwingen, da sie ein Geschenk Gottes ist.

Spirituelles Handeln «wirkt gerade dadurch, dass es nicht wirken soll, vergleichbar der Liebe, die nur dann Berge versetzt, wenn sie nicht intentional eingesetzt wird. Wenn ich aber sage: Ich will dich lieben, weil Du das brauchst und innerlich daran wächst usw., dann habe ich die Liebe zerstört. Und wenn ich sage: Ich will dir vom Glauben erzählen, weil dich das beruhigt und eine heilende Wirkung ausübt, dann wird der Glaube zur Täuschung». (M. Meyer-Blanck)

Wer durch diese theologische (Selbst-)Kritik hindurchgegangen ist, der darf und kann getrost und guten Gewissens spirituelle Impulse setzen – im eigenen Leben und im heilenden Handeln in Seelsorge, Psychotherapie und Pflege. Nicht nur der christliche Glaube, sondern auch heutige wissenschaftliche Erkenntnisse ermutigen dazu.

Ausgewählte Literatur zum Thema

  • A. Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997.
  • C. Dahlgrün: Christliche Spiritualität. Formen und Traditionen der Suche nach Gott, Berlin 2009.
  • E. Frick/T. Roser (Hg.): Spiritualität und Medizin – Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen, Stuttgart 2011.
  • J. L. Griffith: Religion hilft, Religion schadet. Wie der Glaube unsere Gesundheit beeinflusst, Darmstadt 2013.
  • B. Grom: Wie gesund macht der Glaube? Stimmen der Zeit 2/2011, 101-112.
  • A. von Heyl/K. Kemnitzer/K. Raschzok (Hg.): Salutogenese im Raum der Kirche. Ein

Handbuch, Leipzig 2015.

  • R. Kunz/C. Kohli Reichenbacher (Hg.): Spiritualität im Diskurs. Spiritualitätsforschung in theologischer Perspektive, Zürich 2012.
  • A. Porterfield: Healing in the History of Christianity, New York 2005.
  • T. Roser: Spiritual Care. Der Beitrag von Seelsorge zum Gesundheitswesen, 22017.
  • M. Utsch: Religiöse Fragen in der Psychotherapie. Psychologische Zugänge zu Religiosität und Spiritualität, Stuttgart 2005.
  • C. Zwingmann/C. Klein/F. Jeserich (Hg.): Religiosität: Die dunkle Seite. Beiträge zur empirischen Religionsforschung, Münster 2017.
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Geschichten, die das Leben schreibt: «Der ganz normale Alltagswahnsinn»

«Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.»

Das Dogma kommt aus dem Glauben, der selbst schon einen hohen Grad von Festigkeit und Standhaftigkeit in sich hat. Er ist alttestamentlich die Stetigkeit des Bleibens bei Gott, des Festhaltens an seinen Verheissungen.

Unter einem Dogma versteht man auch eine feststehende Definition oder eine grundlegende Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstösslich festgestellt wird.

Insbesondere in der christlichen Theologie wird der Begriff Dogma wertneutral für einen Lehrsatz gebraucht, der, unter Berufung auf göttliche Offenbarung, die Autorität der kirchlichen Gemeinschaft bzw. des kirchlichen Lehramts oder auf besondere Erkenntnisse als wahr und relevant gilt. Die systematische Entfaltung und Interpretation der Dogmen wird Dogmatik genannt.

Der Begriff Dogma bedeutete im antiken Griechisch zunächst „das Geglaubte, Gemeinte, Beurteilte, Beschlossene“ – die unreflektierte Meinung ebenso wie den philosophischen Grund- oder Lehrsatz, den Beschluss über das Zusammenleben der Gesellschaft ebenso wie die von Herrschenden erlassene und somit nicht zu hinterfragende Verordnung.

In der Reformationszeit wandte sich Martin Luther gegen diese Auffassung und stellte die kirchlichen Dogmen als normierte Norm unter die der Heiligen Schrift. Nicht die Kirche bestimmt also das Dogma als Bezugsrahmen der Bibelinterpretation, sondern umgekehrt bestimmt die Bibel den Glaubensgehalt, der im Dogma durch die Kirche lediglich adaptiert und zu ihrem eigenen Bekenntnis wird.

Parallel zur nachreformatorischen Entwicklung – und zum Teil in ausdrücklicher Abgrenzung dazu – werden Dogmen seit dem Zeitalter der Aufklärung kritisch als eine auf Autoritäten beruhende Denkweise oder Glaubensüberzeugung abgelehnt. Einer der zentralen Leitgedanken der Aufklärung, der von Immanuel Kant zitierte Spruch des lateinischen Dichters Horaz «Sapere aude» (lateinisch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“) bildet nach moderner Auffassung einen unvereinbaren inhaltlichen Gegensatz zum Dogma bzw. zur entsprechenden Lehre, der Dogmatik.

Die komplexe Entstehungsgeschichte bringt es mit sich, dass der Begriff „Dogma“ je nach Kontext verschiedene Bedeutungen und Konnotationen haben kann.

Neben dem religiösen Kontext wird in der Wissenschaft der Begriff Dogma auch in der Philosophie bei Immanuel Kant als das Philosophieren ohne eine vorhergehende Kritik der Bedingungen der Erkenntnis bezeichnet.

In der Sozialpsychologie ist die Dogmatismus-Skala ein von Milton Rokeach entwickeltes Konstrukt für ein relativ geschlossen organisiertes System von Aussagen über die Wirklichkeit, die geglaubt oder angezweifelt werden. In ihrem Mittelpunkt stehen Annahmen von absoluter Autorität, die ihrerseits die Grundlage abgeben für Muster von Intoleranz gegen andere. Kennzeichnend sind damit geistige Geschlossenheit, ein rigider und autoritätsgeneigter Denkstil sowie Intoleranz.

Diese Intoleranz trifft man nicht nur in der christlichen Heilslehre, sondern auch in allen anderen Formen von dogmatischen Grundsatzlehren auf der ganzen Welt an, angefangen von religiösen Fanatikern und Fundamentalisten – die mit Bomben und Granaten die Welt von der echten ‘wahren’ Glaubenslehre überzeugen wollen – über politische «Glaubensrichtungen» bis hin zu verzerrten Vorstellungen in der politischen Gesellschaft.

Heute wird „Dogma“ oder „dogmatisch“ oft abwertend verwendet, oft von Menschen, die der Auffassung sind, dass es so etwas wie Wahrheit nicht gäbe bzw. dass man sie nicht erkennen kann.

Wer sagt «Es gibt keine feststehenden Wahrheiten!», bedenkt aber oft nicht, dass dieser Satz selber so etwas wie ein Dogma ist.

Es ist auffallend, dass dogmatische Menschen einen Empathie-Defizit haben. Das, was sie für wahr, richtig, angenehm und gut halten, ist in ihren Augen auch automatisch für den anderen obligatorisch, ja für die ganze Gesellschaft wahr, richtig etc. Falls man ihnen widerspricht oder eine andere Meinung sagt, akzeptieren sie das nicht, sondern schauen einen schräg an – als wenn man ein Verrückter wäre, weil man nicht ihrer (im Übrigen sehr subjektiver) Ansicht ist; oder sie werden gar jähzornig. Dass sie selbst einen Bruch in der Bezogenheit zum Gegenüber haben, scheint ihr blinder Fleck zu sein. Es sind eigentlich Fanatiker des Alltags.

Wer schon einmal versucht hat, mit jemandem zu diskutieren, der davon überzeugt ist, von Vornherein recht zu haben, der weiß, wie frustrierend das sein kann: Jedes unserer Gegenargumente wird mit dem Hinweis auf eine Annahme zurückgewiesen, die unser Gegenüber schon als richtig anerkannt hat. Entsprechend enden solche Diskussionen oft auch eher unschön.

Wie zum Beispiel die Verfechter von politischen Ideen, wie gesundheitsschädlich die Auswirkungen von Handystrahlen sein müssen, ohne zu hinterfragen, dass seine (auch inzwischen allgemeingültigen – ein Dogma?) Annahmen der Richtigkeit Allgemeingut sein müssen. Was aber, wenn sein Gegenüber sich darum noch nie Gedanken gemacht hat und unreflektiert scheinbare Weisheiten eines Handyantennen-Anbieters – der ausschliesslich wirtschaftliche Interessen verfolgt – ungeprüft übernimmt, was ihm dieser vermittelt? Ist es dann angemessen, einem solchen unbedarften Menschen eine Morddrohung ins Haus zu schicken und damit eine wertfreie Diskussion um das eigentliche Problem vereitelt?

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum sich der ‚Rechthaber‘ in einem solchen Fall als ‚Opfer‘ sehen muss: Seine Selbstermächtigung geht ja davon aus, dass wir uns in einem ungleichen Verhältnis befinden. Indem wir ihm seine Selbstermächtigung aber nicht zugestehen, verkleinern wir seinen absoluten zu einem relativen Geltungsanspruch – und eben das nimmt er als Versuch der Diskriminierung wahr.

Ein weiteres Beispiel hierzu: Einer sagt: „Du sollst Lakritzschnecken essen.“ Ich antworte: „Die schmecken mir nicht.“ Worauf er mit vollen Backen sagt: „Doch, doch – die schmecken sehr gut!“ und mampft weiter. Dass der andere einen anderen Geschmack hat, kapiert er nicht. Dass sie ihm schmecken, bedeutet für ihn, dass er eine objektive Wahrheit erkannt und einen Fehler beim anderen festgestellt hat.

Oder ein anderer reinigt seine Wohnung mehrmals am Tag und wundert sich, wie man sein Zuhause nur ein Mal täglich waschen kann. Er schaut sich die Sachen an, findet ein Stäubchen und sagt mit überheblicher Stimme: „Ich dachte, Sie sind ein Vernünftiger. Fühlen Sie sich wohl hier…?“ Man denkt, dass er vielleicht Spaß macht. Nein. Es ist für ihn eine Katastrophe, dass man nur ein Mal am Tag den Boden wäscht. Er hält sich selbst also für vernünftig und es bleibt seinem Geiste verborgen, dass ein mehrmaliges Waschen am Tag nicht unbedingt etwas mit Vernunft zu tun hat, sondern eher an eine Zwangsneurose erinnert.

Wir alle kennen solche Diskussionen. Unser Gegenüber beginnt seine Sätze dann beispielsweise mit Wendungen wie „Fakt ist…“ oder „Tatsache ist…“ oder er behauptet, eine Annahme sei „alternativlos“ oder „selbstverständlich“. Oft werden wir von ihm auch in die eigene Argumentation mit einbezogen: „Du musst doch einsehen, dass…“ oder „Du weißt, dass es so ist“. In solchen Wendungen nimmt er explizit in Anspruch, eine nicht weiter hinterfragbare Tatsache zu äußern, die wir tunlichst akzeptieren sollen.

Der dogmatische Fehlschluss, der die Position des ‚Rechthabers‘ charakterisiert, ist bereits seit der Antike bekannt. Viele sophistische und eristische Positionen nehmen ihn schon zu Platons Lebzeiten ihn in Anspruch, um extreme All-Aussagen wie ‚Alles ist rechtfertigbar‘ oder auch ‚Nichts ist rechtfertigbar‘ zu ‚beweisen‘.

Ein Beispiel des Umgangs mit ihnen hat Platon im ersten Buch seiner Politeia, dem Thrasymachos, gegeben: Der titelgebende Gesprächspartner des Sokrates entspricht auch in seinem Auftreten ganz der Bedeutung seines Namens – ‚Thrasymachos‘ bedeutet so viel wie ‚heftige Schlacht‘. Er bezeichnet die bisherigen Diskussionen als „leeres Geschwätz“ und „Albernheiten“, stellt Begriffsverbote auf und vertritt auch inhaltlich die Position, die zu seinem Auftreten passt: Gerechtigkeit ist das, was dem Stärkeren nutzt und nur die Einfältigen glauben an so etwas wie eine gemeinsame Ordnung der Gerechtigkeit. Das Recht des Stärkeren versucht er auch in der Diskussion durchzusetzen – und scheitert an Sokrates, der ihn ruhig aber bestimmt immer wieder zur Rechtfertigung seiner Rede auffordert.

Eine Diskussion mit jemandem, der fest daran glaubt, im Recht zu sein, ist sinnlos. Denn sie untergräbt von vorneherein den Sinn einer Diskussion, in der Argumente und verschiedene Sichtweisen ausgetauscht werden. Wer davon ausgeht, dass er recht hat, der hat diese Debatte von Anfang an für sich entschieden. Schlimmer noch: Wenn er glaubt, richtig zu liegen, dann geht er davon aus, dass er prinzipiell für alle anderen sprechen kann. Denn ‚richtig‘ kann in dem Kontext ja nur bedeuten: Alle anderen müssen ihm zustimmen. Es kann gar nicht anders sein. Deswegen erscheint derjenige, der eine dogmatische Behauptung in Frage stellt, auch als ‚verblendet‘ – denn aus Sicht des ‚Rechthabers‘ wollen wir das vermeintlich Offensichtliche, Eigentliche, Wirkliche einfach nicht einsehen. Da er voraussetzt, dass wir das aber tun müssen, muss er eine Erklärung dafür finden, warum wir ihm immer noch widersprechen: Wir verschließen die Augen vor der Wahrheit oder werden von einer Ideologie daran gehindert, sie zu sehen.

Aber ist es immer nur der andere, der dem dogmatischen Fehlschluss verfällt? Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir diesen Fehlschluss zumeist bei Anderen, selten aber bei uns selbst feststellen. Es fällt uns nicht schwer, einen Fundamentalisten oder Dogmatiker zu erkennen.

Wenn es um Dogmen und den selbstherrlichen Anspruch der Verfechter jedweder Glaubenssätze und dem Anspruch an den Rest der Welt geht, kommt man nicht darum herum, sich auch Gedanken über das Menschenbild eines Jeden zu machen.

«Bewertet werden soll der Einzelne nicht nach seiner blossen Leistungsfähigkeit oder seinem Nutzen für die Gemeinschaft, sondern nach dem positiven Gelingen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, der zwischenleiblichen Kommunikation und des körpernahen Dialogaufbaus mit den anderen. Dieses Gut-Menschsein soll der ethische Leitfaden für unser Menschenbild sein.»

-Albert Schweitzer-

Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Unterschriften-Sammler für das Bedingungslose Grundeinkommen, als ich immer wieder von Menschen angepöbelt worden bin mit der Feststellung «wenn es das Grundeinkommen gäbe, würden die Menschen nicht mehr arbeiten gehen» und auf die Gegenfrage «würden Sie denn nicht mehr arbeiten gehen?» die Antwort bekommen habe, «doch, doch, ICH würde schon arbeiten gehen, aber die Anderen nicht!»

Der Begriff des Menschenbildes wird von manchen Autoren in einer Weise verwendet, die eine durchgängige, durch nichts zu korrigierende Perspektivität aller unserer Aussagen über den Menschen suggeriert. Sie beruhen hiernach ausnahmslos auf einem jeweils zugrundeliegenden Menschenbild.

Das bedeutet, dass wir über Bilder vom Menschen nie hinausgelangen und der Wirklichkeit des Menschen ansichtig werden können. Folglich können die leitenden Menschenbilder auch nicht daraufhin beurteilt werden, ob sie dem Menschen angemessen oder unangemessen sind.

Diese Auffassung steht in offensichtlichem Widerspruch zu dem Anspruch, den wir mit Aussagen über den Menschen erheben. Dieser ist darauf gerichtet, etwas über die Wirklichkeit des Menschen auszusagen und nicht bloss ein „Menschenbild“ zu kommunizieren, das vielleicht falsch ist?

Statt also Menschen von Ihrer Meinung abbringen zu wollen, die sie für «goldrichtig» halten – also für das Nonplusultra – wäre es da nicht viel sinnvoller, sich erstmal in die Lage jener Ansprechspersonen (auch Zielgruppen genannt) zu versetzen, Ihre Beweggründe, ihren Wissenstand  zu hinterfragen, das Gespräch zu suchen um ihre vorgefasste Meinung zu verifizieren, bevor sie sie zementieren und dann erst ein Urteil zu fällen, das oftmals aus einem Vor-Urteil – einer Vor-Verurteilung – gewachsen ist?

Vielleicht hätte dann die Facebook-Begleiterin der Gemeinde Elgg mich mit meiner Einladung zur Verständigung als diese verstanden und mich nicht aus der Gruppe auszuschliessen brauchen. Warum auch? Dogma? Angst? Kirche? Glauben? Ich weiss es nicht! Es ist auf jeden Fall unschön, ausgeschlossen zu werden, wenn man eine Einladung ausspricht!

Zum Abschluss mag ich an dieser Stelle ein paar Zitate zum Nachdenken anfügen:

«Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.» -Albert Einstein-

«Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.» -Albert Einstein-

«Denk falsch, wenn du magst, aber Denk um Gottes Willen für dich selber.» -Doris Lessing-

«Denken ist schwer, darum urteilen die Meisten.» -Carl Gustav Jung-

«Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Dogmen in die Falle locken. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.» -Steve Jobs-

Idee von Daniel Schwander und HEGAS Chiesa verfasst!

 

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Geschichten, die das Leben schrieb: «Ich kannte Elisabeth Haich»

«Ich kannte Elisabeth Haich»

Ein Erlebnisbericht von Evelyne Mayer

Evelyne Mayer kannte Elisabeth Haich – die bekannte ungarische Künstlerin, die in der Schweiz mit Selvarajan Yesudian zusammen die Yoga-Schule in Zürich gründete – und begleitete sie während vielen Jahrzehnten. Lesen Sie hier den Erlebnisbericht von Evelyne Mayer.

„Ich bin Evelyne Mayer, 85 Jahre alt, und kannte Elisabeth viele Jahrzehnte, bis sie eines Tages diese Welt im Alter von 97 Jahren verliess.

Es war in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich die Yogaschule von Elisabeth Haich und Selvarajan Yesudian kennen lernte, in einem netten grossen Gebäude auf der anderen Seite des Zürichsees.

Dort war sie, Elisabeth Haich, in einem grossen Saal, aus einem Buch lesend. Ich kam ziemlich atemlos an und ich war auch ein bisschen spät. Eine grosse Menge umgab sie, doch übersah ich sie, wegen ihr.

Und ich wusste es, ich musste mich ein bisschen abkühlen und beruhigen, denn etwas sehr Besonderes war gerade im Gange. Frau Haich fuhr fort zu lesen, weiter und weiter. Auf einmal realisierte ich, dass die Person, die sie im Buch erwähnte, sie selber war. Sie las aus dem Buch die «Einweihung.»

Das war das erste Mal, dass ich zu ihren speziellen Donnerstagabend-Vorträgen kam, über viele Jahrzehnte. Und ich nahm an diesen Vorträgen teil, so häufig wie ich konnte, über all diese Jahre.

Dieses Buch war ein sehr spezielles Werk, mit dessen Hilfe sie über viele Jahre die persönliche und spirituelle Entwicklung eines Menschen zeigte, ihrer selbst. Frau Haich lehrte uns dies in einer sehr persönlichen, geduldigen, umfassenden und liebevollen Art und Weise.

Während der Sommermonate lebte Frau Haich im Süden der Schweiz – im Ticino – in welchem sie eine Sommer-Yogaschule betrieb. Dort lehrte sie Hatha Yoga und manchmal unterrichtete sie typisch jesuitische Übungen und Meditationen. Wenn wir Probleme hatten, stand Frau Haich uns jederzeit zur Verfügung.

Mit der Zeit wurden wir gute Freunde und manchmal besuchte sie uns zum Essen. Sie mochte es sehr, mit uns zusammen zu sitzen und unsere einfachen und vorzüglichen Mahlzeiten zu geniessen. Wir waren glücklich, sie bei uns zu haben – es waren immer gute Zeiten.

Hin und wieder schloss sie sich uns auch für Autoreisen durch einige der schönsten Schweizer Landschaften an. Da sie hellsichtig war, erzählte sie uns von vielen wunderbaren Ereignissen, Geschehnissen und Geschichten, die ihr in der Umgebung auffielen, wie zB von Erdgeistern, Elfen, Feen, Kobolden und ähnlichem.

Das war wirklich eine sehr, sehr glückliche Zeit mit ihr, all diese Dinge mit ihr zu erleben und mit ihr unterwegs zu sein.

Viele Jahrzehnte litt Frau Haich an einem Augenleiden und auf einem Auge war sie fast blind. Das bescherte ihr einige Probleme.

Als sie in den 50er Jahren ihre Heimat Ungarn verliess, plante sie, mit Selvarajan Yesudian nach Kalifornien auszureisen, um dort eine Yoga-Schule zu gründen. Doch aus mehreren unbekannten Gründen, aber durch ihre Eingebung blieb sie in der Schweiz.

Als sie in der Schweiz blieb, versuchte sie mit ihrer ursprünglichen Arbeit als Bildhauerin fortzufahren, für die sie in ihrer ungarischen Heimat berühmt war.

Leider war ihr dies durch schweizerische Regierungsstellen untersagt worden, da Frauen nicht erlaubt war, in der Schweiz als Bildhauerinnen zu arbeiten, wie ihr die Beamten sagten, denn die Schweiz habe schon genügend Bildhauer. Frau Haich war auch eine professionelle Klavierspielerin, doch wurde ihr auch diese Tätigkeit nicht gestattet.

In Folge dessen und ohne zu wissen, was daraus entstehen würde, begann Elisabeth Haich zu schreiben. Viele verschiedene Bücher entstanden so in dieser Zeit, wie z.B. «Tarot» (immer noch der führende Titel über dieses Thema), Raja Yoga, usw., doch der wichtigste und eigentliche Welt-Bestseller ist «Einweihung».

Frau Haich hatte sich meinen Mann – Herrn Helmut Mayer – die Aufgabe als Literaturagent und Bevollmächtigten übertragen, sodass er sich um alle Arten von Publikationen kümmern konnte.

Als er 1985 die Aufgabe übernahm, war die Einweihung in 6 Sprachen verfügbar, heute und bis jetzt in 22 Sprachen veröffentlicht. Chinesisch wird die 23. Sprache sein.

Über all die Jahre wuchs die Yoga Schule immer weiter und wurde so wichtig, dass sehr viele Hatha Yoga Lehrer Europas bei Frau Haich und Herrn Yesudian sich ausbilden liessen.

Herrn Yesudian fuhr fort Lektionen bis in die frühen 90er-Jahre zu erteilen. Und er tat das nicht nur in Zürich, sondern auch jede Woche in St. Gallen und Bern, 2 weiteren grossen Städten.

Neben seinem Yoga Unterricht, war Herr Yesudian auch ein sehr begabter Maler. Die meisten seiner Werke wurden zwar an die Mitglieder der Yoga-Schule verkauft, aber er hatte auch ausserhalb Erfolg.

Völlig unerwartet starb Herr Yesudian an einem Herzinfarkt ohne krank gewesen zu sein und verstarb mitten aus seiner Arbeit heraus.

Frau Haich fuhr mit ihrer Arbeit und der Erfüllung ihrer Mission fort, d.h. Menschen zu helfen, zu lernen, warum wir leben und warum es so bedeutsam ist, sich der Einheit von Körper, Seele und Geistes bewusst und sich seiner selbst bewusst zu werden.

Im Jahre 1994 verschied Frau Haich Im Alter von 97 Jahren ohne gelitten zu haben. Sie verliess einfach diese Welt und uns und ging «nach Hause». Wir vermissen Sie sehr.“

Evelyne Mayer, 21.-25. September 2016

(übersetzt aus dem englischen Original von Hegas Chiesa)

Ich, Daniel Schwander, bin mit Herr und Frau Mayer befreundet und gerne darum bemüht, die Bücher von Frau Elisabeth Haich für Interessierte zugänglich zu machen. Schreiben Sie mir bitte eine eMail mit Ihrem Bücherwunsch.